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Giocondo Albertolli

Giacomo Albertolli
Stuckateur, Architekt

geb. 24. Juli 1742



Bedano
(Vater: Francesco Saverio;
Mutter: Margherita De Giorgi)
°° Marta Caterina De Giorgi
gest. 15. November 1839 Mailand

Portrait: Giocondo Albertolli, Ölgemälde von Carlo Gerosa, ca. 1835, Akademie Brera, Mailand

Giocondo Albertolli wurde berühmt durch seine dekorativen Ornamente in den Innenräumen öffentlicher und privater Gebäude in der Lombardei. Er verkörpert den um 1770 aufkommenden klassizistischen Stil, der sich im Gegensatz zum Barock und Rokoko an den eher strengen und klaren Formen der alten Griechen und Römer orientierte. Ferner war er ein hoch geschätzter Professor an der von ihm mitbegründeten Akademie der Schönen Künste, kurz Brera genannt, in Mailand.

Mit elf Jahren schickte ihn sein Vater, selbst ein Architekt, zum Onkel Ferdinando, einem Bildhauer, nach Parma. An der dortigen Akademie der schönen Künste, die bereits seit 1752 bestand, besuchte er Kurse in Bildhauerei, Zeichnen und Architektur. Besonders beeinflusst wurde er durch den Architekten Petitot, der für die in der Lombardei regierenden Österreicher Paläste und öffentliche Gebäude errichtete.

Nach dem Studium schmückte Albertolli einige Kirchen in Parma mit Stuckaturen und schuf die Figuren für den Triumphbogen, den Petitot 1769 zu Ehren von Herzog Ferdinand von Bourbon und dessen Gattin Maria Amalia von Österreich entworfen hatte.

1770 erhielt er den Auftrag, die Villa Poggio Imperiale bei Florenz, eine der zahlreichen Landvillen der Familie Medici in der Toscana, zu dekorieren. Es entstand der Festsaal mit weißen Stuckaturen im typisch klassizistischen Stil.

Poggio Imperialem

Villa Poggio Imperiale, Florenz, Festsaal

1774 berief ihn der Architekt Giuseppe Piermarini nach Mailand, um die Gemächer des Palazzo Reale gleich neben dem Dom zu verzieren (sie wurden im zweiten Weltkrieg zerstört). Dies war der Anfang einer 20-jährigen Zusammenarbeit, während der sie den neuen guten Geschmack in die Architektur und die Gestaltung von Innenräumen in der Lombardei einführten. Auftraggeber waren einerseits der Hof in Wien (Mailand stand seit 1714 unter österreichischer Herrschaft), andrerseits die lokalen Adelsfamilien. So arbeitete Albertolli im Mailänder Theater La Scala, im Palazzo Ducale in Mantua, in der Villa Reale in Monza und im Palazzo Pitti in Florenz, wo er 1776-80 den Weißen Saal mit plastischen Stuckaturen überzog. Es wird heute für festliche Veranstaltungen, Modeschauen, Konzerte und Bälle benutzt.

Pitti Sala Bianca

Der Weisse Saal im Palazzo Pitti, Florenz

Hier fand übrigens am 1. April 1924 die Uraufführung des Pierrot Lunaire, op. 21 von Arnold Schönberg statt, mit dem die Zwölftonmusik ihren Anfang nahm.

1776 gehörte Albertolli zu den Mitbegründern der Akademie der Schönen Künste Brera in Mailand. Es war Kaiserin Maria Theresia von Österreich, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Ausbildung von Künstlern nicht mehr Privatlehrern zu überlassen, sondern staatlich zu regeln, d.h. allgemein zugänglich zu machen und in Spezialgebiete einzuteilen. So entstanden in den folgenden Jahren Abteilungen für Architektur, Malerei, Skulptur, Ornamentik, Radierung, Perspektive, Anatomie für Künstler und Figurenzeichnen.

Albertolli wurde zum Leiter der Abteilung für Ornamentik ernannt. Hier ist ein Beispiel seiner Entwürfe:

Schizzo Albertolli

Zeichnung von Giocondo Albertolli, Feder und Tusche, laviert, 37,6 x 28,8 cm. Sotheby's, New York

36 Jahre lang, bis 1812, war er Professor für Ornamentik und gab dieses Amt dann wegen nachlassender Sehkraft an seinen Neffen Ferdinando Albertolli ab. Er behielt jedoch die Aufsicht über die jährlich von der Akademie ausgeschriebenen Wettbewerbe und blieb Mitglied der Commissione dell'Ornato. Auf diese Weise nahm er weiterhin Einfluss auf die Stadtplanung und die Verbreitung des klassizistischen Geschmacks, wobei er seine guten Beziehungen spielen ließ. Nicht gerade bescheiden soll er einmal gesagt haben: Ich war mit den bedeutendsten Künstlern meiner Zeit befreundet.

Neben seiner Tätigkeit an der Akademie verfasste Albertolli auch Lehrbücher, die in Mailand publiziert wurden und großen Anklang fanden:

1782 Verschiedene Ornamente, von Giocondo Albertolli erfunden,
gezeichnet und ausgeführt, 4 Bände
1787 Einige Dekorationen für Adelssalons und andere Ornamente
1796 Verschiedene Vorlagen für junge Zeichenschüler
1805 Grundkurs Architekturornamente für Anfänger

In seinen letzten Jahren entwarf Albertolli noch mehrere repräsentative Gebäude, darunter sein eigenes Wohnhaus in Lugano, heute Sitz einer Privatbank, und am Comersee die Villa Melzi in Bellagio (1808-1810).

Villa Melzi Lao

Villa Melzi d'Eril in Bellagio am Comersee (I)

Francesco Melzi d'Eril war Vizepräsident der von Napoleon gegründeten Republik Italien (1802-1805). Die Villa diente ihm als Sommerfrische, und er verbrachte dort seine letzten Lebensjahre. Heute ist der englische Park, die ebenfalls von Albertolli entworfene Kapelle und die frühere Orangerie mit Objekten aus napoleonischer Zeit öffentlich zugänglich.

Trotz seines Wohnsitzes in Mailand kehrte Giocondo Albertolli regelmässig nach Bedano zurück, wo er 1799 ein noch bestehendes Wohnhaus für seine große Familie gebaut hatte. Das offenbar glückliche Ehepaar hatte 15 Kinder, und als seine Frau starb, ließ er ihr folgende Inschrift auf den Grabstein meißeln:

An Marta de Giorgi
gestorben am 2. Juni mit 84 Jahren und 8 Monaten.
Der Gatte Giocondo Albertolli,
der über 67 Jahre mit ihr verbrachte,
immer in liebevollem Frieden.
Untröstlich über den Verlust einer Gattin,
die er so viele Jahre schätzte und innig liebte,
setzt er diesen Gedenkstein.
Und empfiehlt seinen fünf noch lebenden Töchtern,
die christlichen Tugenden nachzuahmen,
die ihre gute Mutter immer auszeichneten und leiteten:
Demut, Frömmigkeit und Nächstenliebe.
Im Himmel wird sie unter anderen Tröstungen
auch ihren lang vermissten Sohn Raffaele wieder sehen,
einen guten Zeichner und bewandert in den Künsten,
der nach einem christlichen Leben mit 42 Jahren verstarb
und 1812 auf diesem Friedhof begraben wurde.

Diese und die Grabstele für ihren Mann befinden sich heute in der Privatkapelle San Maurizio in Savosa bei Lugano.

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Literatur

Links


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